Empire

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englisch: Empire style; französisch: Style empire; italienisch: Stile impero.


Irmgard Wirth (1960)

RDK V, 260–261


I. Herkunft des Wortes

Das französische Wort E. kommt vom lat. Imperium (vgl. Thesaurus linguae latinae VII, 1, 568–82) und bedeutet zunächst wie dieses Herrschaft, oberste Gewalt, Macht, dann, im staatspolitischen Sinne, Reich, Kaiserreich oder auch die Zusammenfassung und Vereinigung von Ländern und Provinzen durch ein gemeinsames Oberhaupt, eine gemeinsame oberste Regierung.

II. Bedeutung im napoleonischen Frankreich

In bewußter Anlehnung an die Bedeutung des macht- und glanzvollen Imperium Romanum wurde in Frankreich nach dem voraufgegangenen Directoire und Consulat die Zeit von der Kaiserkrönung Napoleons I. bis zur Restauration der Bourbonen (1804–15) als Empire (später Premier E.) bezeichnet. Der Begriff wurde zwar noch ein zweites Mal unter Napoleon III. angewendet (Second oder Deuxième E., 1852–70); als Verkörperung der Kaiser- und Reichsidee nach dem Vorbilde des römischen Kaiserreichs kann jedoch nur das Premier E. angesehen werden. Ein sichtbarer Ausdruck seiner Bezugnahme auf die römische Antike sind die von dieser übernommenen Triumphbogen, der Arc de Triomphe und der Arc du Carrousel, wie auch die als Ehrensäule nach dem Vorbild der Trajanssäule geschaffene Colonne Vendôme in Paris.

III. Stilbezeichnung

Durch die tiefgreifende Beeinflussung und Durchdringung des öffentlichen und privaten Lebens sowie den politischen und kulturellen Aufschwung erwies sich das Premier E. sogleich als stilbildend. Die bereits im Louis XVI deutlich gewordene Hinwendung zur Antike, die seit der Französischen Revolution durch den politisch erwünschten Blick auf das republikanische Rom mit seinen Staatstugenden gefördert wurde (hier ist der Maler J.-L. David als einer der Initiatoren zu nennen) und das Rokoko endgültig verdrängte, erfuhr nach der Übergangszeit des zuweilen auch als Stil angesprochenen Directoire und Consulat durch die Gründung des Kaiserreichs ihre volle Entfaltung und zugleich eigene französische Ausprägung. Weitgehend war das E. von Kaiser und Hof diktiert und getragen. So wurde die seit dem Louis XVI aus dem Formenschatz der Antike schöpfende Ornamentik durch kaiserliche und kriegerische Abzeichen und Symbole bereichert. Neben dem Vorbilde griechischer und römischer Kunst wirkte nun auch das durch die Expedition Napoleons in den Blickpunkt des Interesses gerückte Ägypten (s. Egypten) in bezeichnenden motivischen Einzelheiten auf das Kunstschaffen. Die Hauptleistung des E. liegt weniger in einer neuen eigenen Baukunst – hier blieb man der jüngstvergangenen Entwicklung verpflichtet – als in der neuen Ornamentik und vor allem in der Ausstattung der Innenräume (führend die Architekten Charles Percier [3] und Pierre-François Fontaine) mit ihren nun feierlich geradlinigen, ein wenig schweren E.-Möbeln. Auch in den übrigen Zweigen des Kunsthandwerks wie in Einzelheiten der Mode zeigt sich das E. als eigener Stil. Durch die Vormachtstellung Frankreichs in Europa wirkte das E. auch über die Landesgrenzen hinaus, behielt aber meist die französisch-höfische Note oder wurde, wie in Deutschland, mehr ins Bürgerliche abgewandelt, um bald wieder ausschließlich eigenem Kunstwollen Raum zu geben. Am frühesten und nachhaltigsten übernahmen die Rheinbundfürsten das E., wobei die Innendekoration, vor allem die Möbel, und die Tracht für sie Vorbild wurden. Diese napoleonisch-kaiserliche Hofkunst innerhalb des europäischen Klassizismus trägt die folgerichtig aus der umfassenden E.-Idee heraus erwachsene und zutreffende Stilbezeichnung E. Da Abkunft und zeitliche Begrenzung dieses Stiles eindeutig sind, setzte sich die Bezeichnung bald überall durch, so daß sie in der Kunstgeschichtsliteratur des 19. Jh. allgemein anzutreffen ist. Deutlich scheidet man jedoch in bezug auf die außerfranzösische Wirkung das mehr oder weniger Import gebliebene E. von der jeweils eigenen klassizistischen Entwicklung.

Literatur

Zum Wort: 1. Ernst Gamillscheg, Etymologisches Wörterbuch der französischen Sprache, Heidelberg 1928, S. 353. – 2. Larousse du XXe siècle Bd. 3, Paris 1930, S. 138–40.

Zum Stil: 3. Charles Percier, Recueil de décorations intérieures, Paris 1812. – 4. François Benoit, L’art français sous la révolution et l’empire, Paris 1897. – 5. Paul Lafond, L’art décoratif et le mobilier sous la république et l’empire, Paris 1900. – 6. Schmitz, Klass. Möbel. – 7. Alois Riegl, Möbel und Innendekoration des Empire (1898), in: Gesammelte Aufsätze, Augsburg u. Wien 1929, S. 10–27. – 8. Émile Bourgeois, Le style Empire. Ses origines et ses caractères, Paris 1930. – 9. Pierre Francastel, Le style Empire, Paris 1939. – 10. Ausst.Kat. „Tresors du Premier Empire“, Château de Nyon 1952. – 11. Louis Hautecœur, L’art sous la Révolution et l’Empire en France 1789–1815, Paris 1953.